So definiert Maria Montessori das Problem mit den “unartigen” Kindern und dessen Ursache

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“Es gibt viele Fehler im Benehmen der Kinder, welche die Leute korrigieren wollen. Dieses besondere moralische Benehmen nennt man bei all den kleinen Kindern “Unartigkeit”. Diese Unartigkeit ist aber nicht eine wirkliche sittliche Frage. Heutzutage nennen wir diese Kinder nicht “böse”, sondern “schwierig”. Es handelt sich um ein modernes Problem. Dieses Problem der schwierigen Kinder ist fast unlösbar. Der gute Wille der Eltern und der Lehrer berührt die Unartigkeit dieser schwierigen Kinder nicht. So hat sich eine andere Gruppe von Leuten erhoben, um eine Antwort auf diese praktische Schwierigkeit in der modernen Gesellschaft zu geben: Da gibt es Psychologen. Diese Psychologen haben besondere Institute gegründet, die man Child Guidance Clinics (vergleichbar mit Erziehungsberatungsstellen) nennt. Die neue Idee ist Führung, nicht Zwang… Diese unverbesserlichen Unarten sind wie Krankheiten. Die Eltern und der Lehrer können nichts tun und auch der Arzt nicht, denn die schwierigen Kinder werden immer zahlreicher. In den alten Tagen war die Frage nicht so wichtig, weil die Kinder durch Strafen unterdrückt wurden; aber heutzutage ist es wie eine Überschwemmung. Es ist als ob die Themse, dieser schöne Fluss, über die Ufer trägt. Das würde ein Unglück sein. Die Zahl ungezogener, unverbesserlicher Kinder vermehrt sich in unserer heutigen Welt, und die Erwachsenen beginnen, hilflos zu werden. Jedermann versucht, den Grund für diese Schlechtigkeit in den Kindern zu finden. Wir dürfen aber nicht denken, dass 1946 die Kinder plötzlich schlimmer sind. Es handelt sich nicht um ein Ergebnis der Evolution. Die Kinder dürften ungefähr die gleichen sein, wie sie immer gewesen sind. Es handelt sich also nicht um den Fehler der Kinder. Es handelt sich nicht um eine Frage, die nur die Kinder betrifft. Die Lebensbedingungen der Kinder scheinen heutzutage besser zu sein denn je …

Die Ursache muss im Mangel eines wesentlichen Elements des Lebens liegen. Wir müssen versuchen, dieses fehlende Element zu finden. Das ist die Forschung, die heute notwendig ist, um jedem helfen zu können. Dieses fehlende Element muss etwas Psychologisches sein, das man entweder nicht weiß oder das man nicht beachtet…

Es muss so sein, dass in der Behandlung von Kindern überall und in bezug auf jedes Alter etwas fehlt. Wir müssen ein neues Element in Betracht ziehen. Vielleicht hat sich das Verhältnis des Menschen in dieser komplizierten Welt geändert, vielleicht lässt er etwas Fundamentales außer Acht, das Familienleben ist anders geworden, und die Kinder sind die ersten Opfer dieser Nichtbeachtung. Wir müssen Kinder einmal von diesem Gesichtspunkt aus betrachten…

Der Fortschritt und das Wachstum des Individuums sind sehr wichtig. Fortschritt liegt in der Fürsorge für die Psyche des Individuums in seiner Beziehung zur Umgebung. Es handelt sich nicht darum, zuerst etwas für das Individuum zu tun und dann etwas für die Gesellschaft; denn die Wurzeln liegen in der Gesellschaft. Wir müssen das Individuum an seinen Platz in der Gesellschaft sehen, denn kein Individuum kann sich ohne den Einfluss der Gesellschaft entwickeln…

Wenn ich sehe, wie die Zahl von unartigen und schwierigen Kindern sich heutzutage vermehrt, so erkenne ich, dass es sich nicht um eine Frage der Moral der Kinder handelt, um etwas schlechtes im Innern individueller Kinder. Es handelt sich um eine Frage, wie die Welt um die Kinder herum sie beeinflusst. Es handelt sich mehr um einen Mangel bei den Eltern als bei den Kindern, und man sollte mehr Aufmerksamkeit auf sie verwenden als auf die kleinen Kinder. Wenn wir bessere Bedingungen für die Kinder herstellen wollen, so müssen wir an die Eltern denken. Es handelt sich um drei Dinge: Zunächst darum, dass man diese Erwachsenen ändert, die so darum besorgt sind, kleinen Kindern eine moralische Erziehung zu geben. Die Erwachsenen selbst müssen sich den Notwendigkeiten der Zeit anpassen. Der zentrale Punkt für die kleinen Kinder ist ihr Bedürfnis, in einer bestimmten Hinsicht auf die Erwachsenen zuzugehen. Erwachsene sind unwissend und sehen die Kinder nur von einem Gesichtspunkt aus. Sie sehen nur die Unartigkeit der Kinder. Der Schluss daraus ist also, dass, wenn wir eine bessere Menschheit haben wollen, die Erwachsenen besser sein müssen. Sie müssen weniger stolz sein, weniger an sich selbst denken, weniger diktatorisch sein. Die Erwachsenen müssen auf sich selbst sehen und sagen: “Ja, ich verstehe dieses Problem” “

(Maria Montessori “Spannungsfeld Kind – Gesellschaft – Welt, Herder Verlag Freiburg 1979).